1984 – Teil 3, Kapitel 6 | Winston ist aus der Haft entlassen | Between the Lines

Shownotes

Das Ende von George Orwells 1984.

Winston Smith ist zurück. Doch der Mann, der einst heimlich gegen das System dachte, ist nicht mehr derselbe. Nach allem, was ihm im Ministerium für Liebe widerfahren ist, hat die Partei nicht nur seinen Widerstand gebrochen – sie hat seine Fähigkeit zerstört, der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen.

In diesem letzten Kapitel begegnet Winston Julia wieder. Und zwischen den beiden wird sichtbar, was die Herrschaft des totalitären Systems tatsächlich erreicht hat: Nicht nur Gehorsam, sondern die Zerstörung von Vertrauen, Erinnerung und Liebe.

Ein verstörendes Ende, gerade weil es nicht mit einem großen Knall endet, sondern mit einer erschreckend nüchternen Erkenntnis.

George Orwell: 1984 – in der Übersetzung von Kurt Wagenseil.

📖 Werk: 1984 ✍️ Autor: George Orwell

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Coverdesign by: @n__i__n__s & ME Music by: Yevhenii Kovalenko, Samuel F. Johanns from Pixabay.

Transkript anzeigen

00:00:17: von George Orwell Dritter Teil Sechstes Kapitel.

00:00:27: Das Café zum Kastanienbaum war fast leer.

00:00:31: Ein Schräg durch ein Fenster, einfallender Sonnenstrahl fiel auf verstaubte Tischplatten.

00:00:37: Es war die stille Stunde nach fünfzehn Uhr.

00:00:40: Blechmusik rieselte aus den Televisoren.

00:00:44: Winston saß in seiner Stammtischecke und startete in ein leeres Glas.

00:00:49: Dann und wann hob er den Blick zu einem großen Gesicht, das ihn von der gegenüberliegenden Wand ansah.

00:00:55: Der große Bruder sieht dich an!

00:00:58: lautete der Begleittext.

00:01:01: Unaufgefordert kam ein Kellner und füllte sein Glas mit Victory Gin, wobei er einen Paar Tropfen aus einer anderen Flasche, deren Kork von einem Federkiel durch Bord war, hineinspratzte.

00:01:12: Es war mit Gewürznäcken versetztes Saharin – die Spezialität des Hauses.

00:01:19: Winston lauschte auf den Televisor.

00:01:21: Im Augenblick ertönte nur Musik, aber es bestand die Möglichkeit, dass jeden Augenblick eine Sondermeldung des Friedensministeriums erfolgte.

00:01:32: Die Nachrichten von der Afrika-Front waren äußerst beunruhigend.

00:01:36: Immer wieder hatte er sich den ganzen Tag Sorgen darüber gemacht!

00:01:40: Eine eurasische Armee – Ozeanien befand sich im Kriegszustand mit Eurasien.

00:01:51: rückte in Allmärchen gegen Süden vor.

00:01:54: Der Tagesbericht vom Mittag hatte zwar kein bestimmtes Gebiet genannt, aber wahrscheinlich war die Kongo-Mündung bereits Kriegsschauplatz – Brasawil und Leopold Wiel waren in Gefahr!

00:02:05: Man brauchte nicht erst die Landkarte anzusehen um zu wissen was das bedeutete.

00:02:10: Es war nicht nur eine Frage des Verlustes von Mittelafrika Zum ersten Mal während des gesamten Krieges war das Gebiet von Ozeanien selbst bedroht.

00:02:21: Eine erregte Gemütsbewegung, nicht gerade furcht-, aber ein ihr nicht unähnliches Gefühl walte in ihm hoch.

00:02:29: Dann veräppte sie wieder!

00:02:31: Er hörte auf an den Krieg zu denken.

00:02:35: Gegenwärtig konnte er seine Gedanken nie länger als ein paar Augenblicke hintereinander auf einen Gegenstand gerechtet halten.

00:02:42: Er erhob sein Glas und lehrte es auf einen Zug.

00:02:46: Wie immer musste er sich danach schütteln und einen leichten Brechreiz überwinden – das Zeug war gräulich.

00:02:53: dass Sacharin und die Gewürznelken, die einem durch ihre widerliche Art an sich schon wieder strebten, konnten den Faden öligen Geschmack nicht vertuschen.

00:03:03: Am schlimmsten von allem aber war, daß der Gin-Geruch, den er Tag und Nacht nicht los wurde in seiner Vorstellung unentwirrbar vermischt war mit dem Geruch dieser — er nannte sie nie beim Namen — sogar in Gedankenicht!

00:03:17: Und so weit wie möglich stellte er sie sich nie im Geiste vor….

00:03:22: Sie waren etwas, das ihm nur halbwegs zum Bewusstsein kam.

00:03:26: Das Dicht vor seinem Gesicht herum schwebte – ein Geruch den er in der Nase hatte!

00:03:33: Als ihm der Gin hochkam, stieß er zwischen pur pur roten Lippen auf.

00:03:38: Er war beleibter geworden, seitdem sie ihn entlassen hatten und hatte wieder seine alte Farbe bekommen, warftig mehr als das.

00:03:46: Seine Gesichtszüge hatten sich vergröbert — die Haut von Nase-und Backenknochen war der Brot Sogar.

00:03:53: die Glatze war von einem zu dunklen Rosa.

00:03:57: Ein Kellner brachte wiederum unaufgefordert das Schachbrett und die Tagesausgabe der Times, auf der Seite mit der Schachaufgabe aufgeschlagen.

00:04:06: Dann als er sah, dass Winston's Glas leer war, brachte er die Ginflasche und füllte es.

00:04:12: Es bedurfte keiner Bestellung – man kannte seine Gewohnheiten!

00:04:16: Das Schachbrell wartete immer auf ihn.

00:04:19: Sein Ecktisch war immer reserviert.

00:04:21: Sogar wenn das lokal voll war, hatte er ihn für sich allein.

00:04:24: Da niemand Wert darauf legte zu nah von ihm sitzen gesehen zu werden.

00:04:30: Er machte sich nie auch nur die Mühe seine Gläser zu zählen.

00:04:33: In unregelmäßigen Abständen wurde ihm ein schmutziger Fetzen Papier gebracht, von dem es hieß Es sei die Rechnung Aber er hatte den Eindruck dass man ihm immer zu wenig aufrechnete.

00:04:44: Es hätte keinen Unterschied gemacht Wenn das Gegenteil der Fall gewesen wäre.

00:04:48: Er besaß jetzt immer eine Menge Geld.

00:04:51: Er hatte sogar eine Stellung, eine Sinikore – die besser bezahlt war als seine alte Stellung es gewesen war.

00:04:59: Die Musik aus dem Televizor brach ab und stattdessen kam eine Stimme.

00:05:04: Winston hob den Kopf um zu lauschen!

00:05:07: Es war jedoch kein Frontbereich sondern lediglich eine kurze Verlautbarung des Ministeriums für Überfluss.

00:05:14: Im vorausgehenden Vierteljahr zeigte es sich, war die zehnte Quote für Schnürsinkel innerhalb des drei Jahresplans um achtundneunzig Prozent übertroffen worden.

00:05:25: Er studierte die Schachaufgabe und stellte die Figuren auf.

00:05:29: Es war ein verzwecktes Schlussspiel mit Hilfe von zwei Sprängern.

00:05:34: Weiß zieht und setzt schwarz in zwei Zügen matt.

00:05:39: Winston blickte zu dem Bildnis des großen Broders empor – weiß setzt immer matt!

00:05:46: Dachte er mit einer Art von dunklem Mystizismus.

00:05:49: Immer ohne Ausnahme ist es so eingerichtet!

00:05:53: Bei keiner Schachaufgabe seit Entstehung der Welt hat jemals schwarz gewonnen, symbolisierte das nicht den ewigen unabänderlichen Sieg des Goten über das Böse – Das riesige Gesicht blickte voll ruhiger Macht auf ihn zurück.

00:06:12: Weiß setzt immer matt.

00:06:16: Die Stimme aus.

00:06:17: dem Televisor hielt inne und fügte in einem anderen, viel ernsteren Ton hinzu.

00:06:24: Wir machen unsere Hörer auf eine wichtige Meldung aufmerksam die um fünfzehn Uhr dreißig durchgegeben wird.

00:06:30: Fünfzehn-Uhrdreißig!

00:06:32: Es handelt sich um einer äußerst wichtigen Meldungen.

00:06:35: Sorgen Sie dafür dass sie sie nicht versäumen.

00:06:38: Fünftzehn uhrdreißig!

00:06:40: Wieder fiel die Blechmusik ein.

00:06:43: Winstens Herz klopfte heftig... Das war der Frontbericht.

00:06:49: Ein Instinkt sagte ihm, dass schlechte Nachrichten kommen würden – den ganzen Tag über hatte ihn unter kurz auflackernen Erregungszuständen der Gedanke an eine vernichtende Niederlage in Afrika beschäftigt und war ihm dann wieder entfallen!

00:07:04: Ihm war als See erleibhaftig das aurasische Heer über die nie zuvor überschrittene Grenze einschwärmen und sich wie eine Ameisenkolonne in die Spitze Afrikas ergießen….

00:07:17: Warum war es nicht möglich gewesen, sie in der Flanke zu umgehen?

00:07:23: Der Umrest der westafrikanischen Küste stand ihm lebhaft vor Augen.

00:07:27: Er ergriff den weißen Springer und schob ihn über das Spiel breit.

00:07:32: Hier war jetzt das richtige Feld!

00:07:34: Zur gleichen Zeit während er die Schwarzen Horden südwärts vorstürmen sah, schwebte ihm eine andere auf geheimnisvolle Weise gesammelter Streitmacht vor Augen die plötzlich in ihrem Rücken auftauchte und ihre Verbindung zur Land- und zu Wasserabschnitt.

00:07:51: Er hatte das Gefühl, durch seinen Willensaufwand diese andere Streitmacht ins Leben zu rufen – aber man musste rasch handeln!

00:07:59: Wenn Sie ganz Afrika unter Ihre Kontrolle bringen konnten, wenn sie Flugplätze und Untersehbootstützpunkte am Kap hatten, dann war Ozeanien in zwei Hälften geteilt.

00:08:11: Daraus konnte sich alles ergeben….

00:08:14: Niederlage, Zusammenbruch, eine Neuaufteilung der Welt – die Vernichtung der Partei.

00:08:22: Er holte tief Atem ein seltsames Gemisch von Gefühlen.

00:08:28: aber genau genommen war es kein Gemisch.

00:08:31: er waren es einander ablösende Gefühlsschichten bei denen man nicht sagen konnte welches Gefühl das Untaste war.

00:08:38: regt er sich in ihm?

00:08:41: Der Anfall ging vorüber.

00:08:43: Er stellte den weißen Springer auf seinen Platz zurück, aber für den Augenblick konnte er sich nicht einer ernsthaften Überlegung des Schachproblems widmen.

00:08:53: Seine Gedanken schweiften erneut.

00:08:57: Fast unbewusst malte er mit dem Finger in den Staub der Tischplatte.

00:09:02: Zwei Mal zwei Gleich fünf.

00:09:10: In dein inneres Können Sie nicht eindringen?

00:09:12: hatte Julia gesagt Aber sie konnten in einen eindrängen.

00:09:18: »Was ihnen hier wieder fährt, gilt für immer« hatte O'Brien gesagt.

00:09:25: Das war ein wahres Wort!

00:09:27: Es gab Dinge eigene Taten die man nie wieder los wurde.

00:09:32: Etwas in der eigenen Brust war getötet worden – ausgebrannt und ausgeätzt.

00:09:39: Er hatte sie gesehen, hatte sogar mit ihr gesprochen.

00:09:43: Es war keine Gefahr dabei….

00:09:45: Er wusste gleichsam instinktiv, dass sie jetzt so gut wie keine Interesse an seinem Ton und Reiben nahm.

00:09:52: Er hätte eine zweite Begegnung mit ihr verabreden können wenn einer von ihnen beiden es gewollt hätte.

00:09:59: Tatsächlich waren Sie sich durch Zufall begegnet.

00:10:02: Es war im Stadtpark gewesen an einem abscheulichen schneidenden Märztag, als die Erde aussah wie aus Eisen.

00:10:10: Das ganze Gras abgestorben schien und nirgendwo eine Blütenknospe zu sehen war außer ein paar Krokussen, die sich durch das Erdreich durchgekämpft hatten um vom Wind zerzauszuwerden.

00:10:22: Er eilte mit frostblauen Händen und wässernden Augen dahin, als er sie keine zehn Meter von sich entfernt erblickte.

00:10:30: sofort fiel ihm auf, dass sie sich in einer schwerbestimmbaren Weise verändert hatte.

00:10:35: Sie gingen fast ohne erkennen zu verraten aneinander vorbei – dann kehrte er um und ging ihr nicht sehr eifrig nach.

00:10:44: Er wusste das keine Gefahr bestand, niemand kümmerte sich um sie.

00:10:49: Sie sagte nichts!

00:10:51: Sie ging schräg über den Rasen davon so als versuche sie ihn loszuwerden, dann schien sie sich damit abzufinden, ihn an ihrer Seite zu

00:10:59: haben.".

00:11:01: Schließlich kamen sie zu einer Gruppe zerzauster in blätteter Sträucher, die weder als Versteck noch als Schutz vor dem Wind dienen konnten.

00:11:10: Sie belieben stehen!

00:11:11: Es war scheißlich kalt.

00:11:14: Der Wind pfiff durch die Zweige und zerpflückte die verstreut dastehenden schmutzig aussehenden Krokusse.

00:11:21: Er legte den Arm um ihre Hüfte.

00:11:24: Es gab keinen Televisor aber es mussten versteckte Mikrofone da sein – außerdem konnte man sie sehen.

00:11:31: Das machte nichts aus.

00:11:33: Nichts machte etwas aus!

00:11:35: Sie hätten sich auf den Boden liegen und das tun können, was sie gewollt

00:11:38: hätten.".

00:11:40: Sein Fleisch erst startte vor Grauen bei dem bloßen Gedanken.

00:11:44: Sie reagierte überhaupt nicht auf seinen umsehgelegten Arm – sie versuchte nicht einmal sich frei zu machen.

00:11:51: Jetzt wusste er, was ich in ihr verändert hatte….

00:11:55: Ihr Gesicht war bleicher … Und eine teilweise von einer Haarsträhne bedeckte lange Narbe lief über ihre Stirn-und-Schläfe.

00:12:03: Aber nicht das war die Veränderung.

00:12:06: Sie bestand darin, dass ihre Teile dicker und in einer überraschenden Weise steif geworden

00:12:12: war.".

00:12:14: Er erinnerte sich, wie er einmal nach der Explosion einer Raketenbombe geholfen hatte eine Leiche aus den Trümmern zu ziehen und nicht über das unglaubliche Gewicht des Toten gestaunt hatte sondern über seine Steifheit und die Schwierigkeit mit der er sich Hand haben ließ so dass er eher aus Stein als aus Fleisch zu sein schien.

00:12:35: Ihr Körper fühlte sich ebenso an.

00:12:39: Es kam ihm der Gedanke daß das Gewebe ihrer Haut ein ganz anderes sein musste als früher.

00:12:46: Er versuchte nicht, sie zu küssen.

00:12:48: Auch sprachen Sie nicht miteinander!

00:12:51: Als sie über das Gras zurückgingen, sah sie ihn zum ersten Mal unmittelbar an.

00:12:56: Es war nur ein kurzer Blick voll Verachtung und Abneigung.

00:13:02: Er fragte sich ob es eine Abneigung war die sich nur aus der Vergangenheit herleitete oder ob sie auch durch sein gedunsendes Gesicht und das Wasser dass ihm der Wind ständig aus den Augenreb verursacht worden.

00:13:16: Sie setzten sich auf zwei eiserne Stühle, Seite an Seite – aber nicht zu eng nebeneinander.

00:13:23: Er sah, daß sie im Begriff war zur Sprechen!

00:13:26: Sie schob ihren plumpen Schuh ein paar Zentimeter vor und zertrat bedachtsam einen Zweig.

00:13:33: Ihr Fußschien breiter geworden zu sein, bemerkte er.

00:13:37: Ich habe dich verraten?

00:13:40: Auch ich verräte dich.

00:13:42: Sie warf ihm einen erneuten kurzen Blick des Abscheus zu.

00:13:48: Manchmal… drohen sie einem etwas, dass man nicht aushalten kann.

00:13:56: Dann sagt man, tu es mir nicht an!

00:14:00: Tu es jemanden anderem!

00:14:02: Tu's dem Sohn so an!

00:14:05: Vielleicht macht man sich nachher vor... Es sei nur ein Knöff gewesen und man habe sich nur ihm so gesagt, damit Sie aufhörten und es sei nicht wirklich ernst damit gewesen wäre.

00:14:16: Das ist nicht wahr?

00:14:19: Zur Zeit wenn es sich abspielt, ist das einem ernst damit Man glaubt, es gäbe keine anderen Ausweg, um sich selbst zu retten.

00:14:28: Und man ist durchaus bereit, sich auf diese Weise zur retten!

00:14:31: Man will, dass es dem Anderen widerfährt.

00:14:34: Es kümmert einen keinen Verfalling wie sie leiden.

00:14:38: Es geht nur noch um einen selbst.

00:14:44: Ich haute er.

00:14:47: Und danach empfindet man für den andern Menschen nicht mehr dasselbe?

00:14:51: Nein – man empfindete nicht mehr das selbe.

00:14:58: Es schien, sie hätten sich nichts mehr zu sagen.

00:15:01: Der Wind klatschte ihre dünnen Trainingsanzüger in ihrer Leiber.

00:15:05: Mit einem Mal setzte es einen in Verlegenheit, schweigend dazusetzen – außerdem war's zu kalt umstellt zu setzen!

00:15:13: Sie momelte etwas, sie müsste ihre Untergrundbahn erreichen und stand zum Gehen auf.

00:15:20: »Wir müssen uns wiedersehen«.

00:15:23: Ja… wir müssen uns Wiedersehen?

00:15:26: Unentschlossen ging er ein kleines Stück weit mit, einen halben Schritt hinter ihr.

00:15:31: Sie sprachen nicht noch einmal.

00:15:34: Sie versuchte nicht direkt ihn abzuschütteln, sondern ging nur eben in solchem Tempo das er nicht mit ihr Schritt halten konnte.

00:15:42: Er hatte bei sich beschlossen sie bis zum Untergrundbahnhof zu begleiten – aber plötzlich schien dieses Sich durch die Kälte hinterherziehen lassen sinnlos und unerträglich!

00:15:54: Er fühlte einen brennenden Wunsch nicht so sehr von Julia wegzukommen als ins Café zum Kastanienbaum zurückzukehren dass ihm nie so anziehend vorgekommen war wie in diesem Augenblick.

00:16:07: Er hatte eine sehnsüchtige Vision von seinem Ektisch mit der Zeitung, dem Schachbrett und dem ewig fließenden Gin – vor allem würde es dort warm sein!

00:16:19: Im nächsten Augenblick wurde er rein zufällig durch eine kleine Gruppe Menschen von ihr getrennt.

00:16:25: Er machte einen schwachen Versuch sie einzuholen.

00:16:28: dann wurde er langsamer, machte kehrt und ging in entgegengesetzte Richtung davon.

00:16:35: Als er fünfzig Meter gegangen war, blickte er sich um.

00:16:39: Es waren nicht viele Menschen auf der Straße aber schon konnte er sie nicht mehr unterscheiden.

00:16:45: Jede von einem Dutzend eilender Gestalten hätte Julia sein können.

00:16:50: Vielleicht war ihr dick- und steif gewordener Rücken nicht mehr unter den anderen Menschen herauszufinden?

00:16:57: Zur Zeit wenn es sich abspielt ist das einem ernst damit!

00:17:01: hatte sie gesagt.

00:17:03: Es war ihm ernst damit gewesen.

00:17:06: Er hatte es nicht nur gesagt, sondern auch gewünscht, dass sie und nicht er ausgeliefert würde an die.

00:17:14: Etwas an der Musik, die aus dem Televizor rieselte, änderte sich.

00:17:18: Ein pralarischer und höhnischer, ein hetzarischer Unterton kam hinein!

00:17:24: Und dann – vielleicht geschah es nicht wirklich, vielleicht war es nur eine Sich in einer Melodie kleidende Erinnerung – sang eine Stimme Under the spreading chestnut tree, I sold you and you sold me.

00:17:43: Trennen stiegen ihm in die Augen.

00:17:46: Ein vorbeikommender Kellner sah das sein Glas leer war und kam mit der Ginflasche zurück.

00:17:52: Er hob sein Glas – und schnupperte daran.

00:17:55: Das Zeug wurde mit jedem Schluck denn er trank nicht weniger scheuslich sondern scheuslicher Aber es war zu dem Element geworden indem er schwamm.

00:18:05: Es war sein Leben, sein Tod und sein Wiederbelebungsmittel.

00:18:09: Der Gin versetzt ihn allabendlich in einen dumpfen Schlaf – und der Gin erweckt die ihn allmorgentlich wieder zum Leben!

00:18:17: Wenn er was selten vor elf Uhr geschah mit verklebten Augen Mit schlechtem Geschmack im Mund und einem wie gebrochenen Rücken aufwachte, wäre es unmöglich gewesen sich auch nur aus der Horizontale aufzurichten, wären nicht die Nachtsüber neben dem Bett stehende Flasche- und Tee-Tasse gewesen.

00:18:37: Über die Mittagsstunde saß er mit verglastem Blick dar.

00:18:41: Die Flaschegriff bereit vor sich und lauschte den Televisor.

00:18:46: Von fünfzehn Uhr bis Lokalschluss gehörte er zum Inventar des Cafés – zum Kastanienbaum!

00:18:53: Niemand kümmerte sich mehr darum, was er tat.

00:18:56: Keine Sirene weckte – kein Televisor mahnte ihn!

00:19:00: Gelegentlich vielleicht zweimal in der Woche ging er zu einem verstaubten vergessen aussehenden Büro im Wahrheitsministerium und verrichtete ein wenig Arbeit oder wenigstens, was man so Arbeit nennt….

00:19:14: Er war einem Unterausschuss eines Unteraosschusses zugeteilt worden, der sich von einem der unzähligen Ausschüsse abgezweigt hatte die mit der Bearbeitung der unbedeutenden Schwierigkeiten beschäftigt waren, die sich bei der Zusammenstellung der elften Ausgabe des Neusprachowörterbuchergaben.

00:19:32: Sie waren mit der Abfassung von etwas beauftragt das ich Zwischenbericht nannte – was es aber war?

00:19:39: Worüber sie berichtet hatten, hatte er nie ganz herausgefunden!

00:19:43: Es hatte etwas mit der Frage zu tun, ob Kommas innerhalb oder außerhalb der Klammern gesetzt werden sollten.

00:19:51: Noch vier andere gehörten dem Ausschuss an – sämtlich Menschen ähnlich wie er selber!

00:19:56: Es gab Tage, an denen sie zusammen tratten um dann gleich wieder auseinanderzugehen und einander offen einzugestehen das in Wirklichkeit nichts zu tun war….

00:20:06: Es gab aber auch andere Tage, an denen sie sich fast begierig auf ihre Arbeit stürzten – ein riesiges Aufheben davon machten, ihr Entwürfe zu besprechen und lange Denkschriften zu entwerfen, die nie vollendet wurden.

00:20:19: An denen der Streit darüber, worüber sie sich eigentlich stritten, außerordentlich verwickelt und unklar wurde mit spitzfindigen Erörterungen von Definitionen, riesigen Abschweifungen, Zenkereien… ja sogar Drohungen, sich an eine höhere Stelle zu wenden!

00:20:36: Und dann plötzlich war ihre Lebendigkeit erschöpft.

00:20:39: Sie sassen herum und sahen einander mit erloschenen Augen an wie Gespenster, die sich beim ersten Hahnenschrei in nichts auflösen.

00:20:49: Der Televizor war einen Augenblick verstummt.

00:20:52: Winston hob wieder den Kopf – der Tagesbericht!

00:20:56: Aber nein, sie schalteten nur andere Musik ein.

00:21:00: Er stellte sich in Gedanken die Karte von Afrika vor….

00:21:04: Die Bewegungen der Heere bildeten ein Diagramm.

00:21:08: Ein schwarzer Pfeil stieß senkrecht nach Süden vor, und ein weißer Pfei wag recht nach Osten durch das Ende des Ersteren hindurch!

00:21:17: Wie zur Beruhigung blickte er zu dem unerschütterlichen Gesicht auf den Bildempor?

00:21:23: War es denkbar, dass der zweite Pfeile nicht einmal existierte?

00:21:28: Sein Interesse erlamnte wieder.

00:21:30: Er trank einen neuen Schluck Gin, nahm den weißen Springer zur Hand und machte einen Versuchsweisen Zug Schach!

00:21:38: Aber es war offenbar nicht der richtige Zug, denn – ungerufen kam ihm eine Erinnerung in Nensen.

00:21:46: Er sah ein kerzenbeleuchtetes Zimmer mit einem breiten, mit einer weißen Steppdecke bedeckten Bett und sich selbst als einen Jungen von neun oder zehn Jahren wie er auf dem Fußboden saß, einen Würfelbecher schüttelte und aufgeregt lachte.

00:22:02: Seine Mutter saß ihm gegenüber und lachte ebenfalls.

00:22:06: Es musste etwa einen Monat vor ihrem Verschwinden gewesen sein.

00:22:11: Es war ein Anblick der Harmonie, in dem der nagende Hunger in seinem Magen vergessen und seine frühere Liebe zu ihr wieder vorübergehend aufgeblüht war.

00:22:21: Er erinnerte sich gut an den Tag – einem stürmischen Regentag, an dem das Wasser die Fensterscheibe herunter strömte und das Licht im Zimmer zum Lesen zutrübe war!

00:22:32: Die lange Weile der beiden Kinder in dem dunklen, engen Raum wurde unerträglich.

00:22:39: Winston greinte und quängelte, verlangte vergeblich etwas zu essen, vorwerkte im Zimmer herum, wobei er alles von der Stelle rückte und der Wandverteffelung Fußtritte versetzte bis die Nachbarn an die Wand klopften – während das jüngere Kind zwischendurch jammerte.

00:22:56: Am Schluss hatte seine Mutter gesagt «Sei jetzt brav!

00:22:59: Und ich kaufe dir ein Spielzeug».

00:23:01: Ein schönes Spielzeug, es wird dir gefallen.

00:23:05: Und dann war sie in den Regen hinausgegangen zu einem kleinen Kramladen in der Nachbarschaft, der noch immer zeitweise geöffnet hatte und kam mit einer Pappschachtel zurück die eine vollständige Zusammensetzung eines Wettrennspiels enthehlt.

00:23:19: Er konnte sich an den Geruch des muffigen Pappdeckels erinnern.

00:23:24: Das Ganze war jammervoll.

00:23:27: Die Papa hatte Sprünge Und die winzigen Holzwürfel waren so ungleichmäßig geschnitzt, dass sie kaum auf ihren Flächen liegen bleiben wollten.

00:23:36: Winston betrachtete das Spiel mürisch und teilnahmslos.

00:23:41: Aber dann zündete seine Mutter einen Kerzenstummel an – und sie setzten sich zum Spiel auf den Boden!

00:23:47: Bald glühte er vor Erregung und Schrievorlachen wenn die Spielmarken hoffnungsvoll vorrückten und dann wieder fast bis zum Einsatz zurückgestellt werden mussten….

00:23:57: Sie spielten acht Spiele, wobei jeder vier gewann.

00:24:01: Sein Schwesterchen das zu klein war um etwas von dem Spiel zu verstehen hatte an ein Polster gelehnt da gesessen und gelacht weil die anderen lachten.

00:24:11: Einen ganzen Nachmittag hindurch waren sie alle miteinander glücklich gewesen wie in seiner früheren Jugend.

00:24:19: Er verbannte das Bild aus seinen Gedanken.

00:24:21: Es war eine falsche Erinnerung.

00:24:24: Gelegentlich suchten ihn falsche erinnerungen heim.

00:24:27: Sie schadeten nichts, solange man sie als das erkannte was sie waren.

00:24:32: Manche Dinge hatten sich zugetragen, andere hatten sich nicht zugetragen!

00:24:38: Er wandte sich wieder dem Schachbrett zu und ergriff erneut den weißen Springer.

00:24:43: Fast im gleichen Augenblick fiel er mit Geklapper hinunter auf das Spielbrett.

00:24:47: Er war zusammengefahren, als habe man ihm eine Nadel hineingerammt.

00:24:52: Ein Schriller-Trompetenstoß hatte die Luftdurchdrungen.

00:24:56: Es war der Tagesbericht.

00:24:58: Sieg Es bedeutete immer ein Sieg, wenn ein Trompetenstoß den Nachrichten vorherging.

00:25:03: Sogar die Kellner waren zusammengeschreckt und spitzen die Ohren!

00:25:07: Der Trompetenstoß hatte einen riesigen Aufwand von Lärm entfesselt – schon schnatterte eine aufgeregte Stimme aus dem Televisor aber bereits als sie loslegte ging sie beinahe in einem Horagebrüll von draußen unter.

00:25:21: Die Neuigkeit hatte sich wie durch Zauberrei in den Straßen verbreitet.

00:25:26: Er konnte gerade genug von dem, was der Televisor verkündete hören, um zu merken, dass alles so wie von ihm vorausgesehen gekommen war.

00:25:35: Eine große über's Meer gekommene Kriegsflotte war insgeheim zusammengezogen und ein plötzlicher Schlag gegen die feindliche Nachhut geführt worden.

00:25:45: Der weiße Pfeil spaltete das Ende des Schwarzen.

00:25:49: Bruchstücke triumphierender Phrasen behaupteten sich gegen den Lärm!

00:25:54: Großes strategisches Manöver, vollendete Zusammenarbeit.

00:25:59: Wilde Flucht des Feindes auf der ganzen Linie!

00:26:02: Eine halbe Million Gefangene.

00:26:04: Vollkommende Auflösung.

00:26:06: Kontrolle über ganz Afrika.

00:26:09: Das Kriegsende in absehbarer Nähe gerückt.

00:26:13: Größter Sieg in der menschlichen Geschichte.

00:26:16: Sieg, Sieg ... Winstens Füße machten unter dem Tisch krampfhafte Bewegungen.

00:26:25: Er hatte sich nicht von seinem Platz gerührt, aber in Gedanken rannte er.

00:26:30: Rante rasch war mit der Menge draußen und schrie sich mit Hochrufen heiser!

00:26:36: Wieder blickte er zu dem Bildnis des großen Bruders empor – Der Koloss, der seine Arme schützend über die ganze Welt breitete.

00:26:46: Der Felsen gingen die asiatischen Horden vergeblich anranden.

00:26:53: Er überlegte, wie noch vor zehn Minuten – ja nur vor zehn Minuten!

00:26:58: Ein Schwanken in seinem Herzen gewesen war als er sich fragte ob die Meldung von der Front Sieg oder Niederlage lauten würde.

00:27:07: Ach mehr als ein eurasisches Herr war untergegangen.

00:27:13: Viel hatte sich in ihm geändert seit jenem ersten Tag im Ministerium für Liebe Aber die endgültige, notwendige heilende Wandlung war bis zu diesem Augenblick nicht erfolgt.

00:27:26: Die Stimme aus dem Televisor sprudelte noch immer ihren Bericht von Gefangenen, Beute und Gemetzel – aber das Geschrei draußen hatte sich ein wenig gelegt!

00:27:37: Die Kellner gingen wieder an ihre Arbeit.

00:27:40: Einer von ihnen kam mit der Ginflasche heran.

00:27:43: Winston, der in seligen Träumen verloren da saß, achtete nicht darauf, als sein Glas gefüllt wurde….

00:27:49: Er rannte nicht mehr, und erschrie nicht mehr Hurra.

00:27:53: Er war wieder im Ministerium für Liebe – alles war vergessen!

00:27:57: Seine Seele Schnee weiß.

00:28:00: Er saß auf der öffentlichen Anklagebank.

00:28:03: Gestand Alles.

00:28:05: Belastete jeder Mann.

00:28:06: Er schritt dem mit weißen Fliesen belegten Gang hinunter mit dem Gefühl im Sonnenschein zu wandeln Und ein bewaffneter Wachposten ging hinter ihm drein.

00:28:17: Das lang erhoffte Geschoss drang ihm in sein Gehirn.

00:28:23: Er blickte hinauf zu dem riesigen Gesicht.

00:28:26: Vierzig Jahre hatte er gebraucht, um zu erfassen, was für ein Lächeln sich unter dem dunklen Schnurrbad verbarg!

00:28:33: Oh grausames unnötiges Missverstehen!

00:28:36: O eigensinniges selbst auferlegtes Verbandsein von der liebenden Brust!

00:28:42: Zwei nach jen duffende Tränen rannten ihn an den Seiten seiner Nase herab.

00:28:47: – aber nun war es gut, war alles gut, der Kampf beendet….

00:28:52: Er hatte den Sieg über sich selbst errungen.

00:28:56: Er lebte den großen Bruder.

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